Von Emotionen ergriffen: Ein tieferer Blick auf den menschlichen Ausdruck
2025-07-27
Der Ausdruck „von Emotionen ergriffen“ (im Englischen "wrought with emotion") beschwört das kraftvolle Bild einer Person herauf, die tief und sichtbar von Gefühlen berührt ist – sei es Trauer, Freude, Angst oder Ehrfurcht. Doch über die poetische Redewendung hinaus berührt der damit beschriebene Zustand zentrale psychologische und soziokulturelle Fragen: Ist emotionale Überwältigung gesund oder maladaptiv? Ist dieser Ausdruck eine Verherrlichung oder eine Verletzlichkeit?
Was bedeutet „von Emotionen ergriffen“?
Ursprünglich vom archaischen Partizip Perfekt von work („wrought“) abgeleitet, legt der englische Ausdruck nahe, dass die Person von Emotion geformt, ja sogar verzehrt wird. Er taucht häufig in Literatur, Film und historischen Berichten auf, um Figuren unter immenser emotionaler Anspannung oder Katharsis zu beschreiben. Anders als eine flüchtige Emotion impliziert er einen Zustand, der Psyche und Körper tief durchdrungen hat.
Auch wenn „von Emotionen ergriffen“ kein klinischer Begriff ist, verweist er auf einen psychophysiologischen Zustand intensiver emotionaler Erregung, der Auswirkungen auf Kognition, Verhalten und soziale Interaktion hat.

Ist es normal, „von Emotionen ergriffen“ zu sein?
Nach heutiger affektiver Neurowissenschaft und Psychologie sind intensive emotionale Erfahrungen entwicklungsbedingt und evolutionär normal. Emotionen – besonders wenn sie überwältigend sind – gehören zu den Wegen, wie Menschen Bedürfnisse signalisieren, Traumata verarbeiten und sich sozial verbinden.
- Die James-Lange-Theorie der Emotion postulierte, dass körperliche Zustände (z. B. Zittern, Weinen) der bewussten Wahrnehmung einer Emotion vorausgehen, was die Vorstellung stützt, dass körperlich betroffen zu sein („ergriffen“) Teil des emotionalen Prozesses ist (James, 1884).
- Lisa Feldman Barrett argumentiert in How Emotions Are Made, dass Emotionen konstruiert werden und ihre Intensität vom Kontext, von Erfahrung und kultureller Interpretation abhängt.
Also ja, von Emotionen ergriffen zu sein ist normal, besonders bei Ereignissen, die Verlust, Ungerechtigkeit oder Transzendenz beinhalten.
Wann wird es bewundert, wann pathologisiert?
Kulturell gesehen haben westliche Gesellschaften oft ein paradoxes Verhältnis zu Emotionen:
- In Literatur und Kunst gilt es als authentisch, edel oder transformierend, von Emotionen ergriffen zu sein.
- Am Arbeitsplatz oder im öffentlichen Leben kann es als unprofessionell oder schwach angesehen werden.
Dieser Widerspruch ist besonders geschlechtsspezifisch geprägt. Forschung hat gezeigt:
- Männer, die intensive Emotionen zeigen, werden oft als weniger kompetent wahrgenommen (Brescoll & Uhlmann, 2008).
- Frauen können als zu emotional angesehen werden, selbst wenn sie auf legitime Ungerechtigkeiten reagieren (Shields, 2005).
Der Wert oder das Stigma, „von Emotionen ergriffen“ zu sein, hängt also stark von Kontext, Geschlecht, Herkunft und sozialem Umfeld ab.
Psychologische Implikationen
Aus klinischer Sicht:
- Intensive Emotion ist nicht von Natur aus schlecht, doch häufige Dysregulation kann auf Zustände wie PTBS, Stimmungsstörungen oder emotionale Dysregulationssyndrome hinweisen (Linehan, 1993).
- Andererseits hat sich gezeigt, dass das Ausdrücken tiefer Emotion (etwa Weinen, Zittern, sichtbar erschüttert sein) die Genesung unterstützen kann, besonders in Trauer- und Traumatherapien (Stroebe et al., 2007).
Ist es „gut“ oder „schlecht“?
„Von Emotionen ergriffen“ zu sein, ist an sich weder gut noch schlecht. Es ist ein Signal – für etwas zutiefst Bedeutsames oder Herausforderndes. Der Wert liegt darin, wie es verarbeitet wird:
- In Kunst und Erzählkunst schafft es Resonanz und Tiefe.
- In persönlichen Beziehungen kann es Empathie und Nähe fördern.
- In unkontrollierten sozialen oder beruflichen Situationen kann es zu Missverständnissen oder Verletzlichkeit führen.
Das Unterdrücken solcher Zustände kann soziales Unbehagen verringern, aber langfristig zu emotionaler Distanzierung führen (Gross & John, 2003).
Quellen
- James, William. (1884). What is an Emotion? Mind, 9(34), 188–205.
- Barrett, Lisa Feldman. (2017). How Emotions Are Made: The Secret Life of the Brain. Houghton Mifflin Harcourt.
- Brescoll, Victoria L., & Uhlmann, Eric Luis. (2008). Can an Angry Woman Get Ahead? Status Conferral, Gender, and Expression of Emotion in the Workplace. Psychological Science, 19(3), 268–275.
- Shields, Stephanie A. (2005). The Politics of Emotion in Everyday Life: "Appropriate" Emotion and the Attribution of Leadership. Review of General Psychology, 9(3), 229–240.
- Linehan, Marsha. (1993). Cognitive-Behavioral Treatment of Borderline Personality Disorder. Guilford Press.
- Stroebe, Margaret, et al. (2007). Bereavement Research: Contemporary Perspectives. In Handbook of Bereavement Research and Practice: Advances in Theory and Intervention.
- Gross, James J., & John, Oliver P. (2003). Individual differences in two emotion regulation processes: Implications for affect, relationships, and well-being. Journal of Personality and Social Psychology, 85(2), 348–362.
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